• Roland Feitenhansl

Ein Hinkelstein für den Fußball


Gäbe es ihn nicht, würde an dieser Stelle in der Nordweststadt kein originales Relikt mehr an den ruhmreichen KFV, den Karlsruher Fußballverein, erinnern. Er stammt tatsächlich aus jener Zeit, als der traditionsreiche Verein hier seine Spielstätte hatte. Die neue Stele der Stadt Karlsruhe vorne an der Karlsruher Straße gibt genauere Auskunft über den KFV: Anlass für die Aufstellung war das 100-jährige Jubiläum der Erlangung des Meistertitels1910, als der Karlsruher Fußball-Verein, bestückt mit drei Nationalspielern, im Endspiel gegen Holstein Kiel den Titel nach Karlsruhe holte. Die Stadt brachte damit das bis heute einmalige Kunststück fertig, als einzige Stadt Deutschlands in zwei aufeinanderfolgenden Jahren mit zwei unterschiedlichen Vereinen deutscher Fußballmeister zu werden, denn im Jahr zuvor hieß der Meister Karlsruher FC Phoenix, Lokalrivale und Vorgängerverein des KSC. Zwei Jahre später stand man noch einmal gegen denselben Gegner im Meisterschaftsfinale, das aber dieses Mal leier verloren ging.


Meistermannschaft des Karlsruher FV, 1910

oben: Ruzek, Förderer, Bosch, Dell, Hüber, Breunig, Trainer Townley

unten: Fuchs, Hollstein, Tscherter, Hirsch, Schwarze

Quelle: KFV


Damit sind wir schon mittendrin in der Karlsruher Fußballgeschichte und greifen zugleich den Faden des Beitrags „Engländerplatz“ vom 15. April auf. Der umtriebige Fußball-Pionier Walther Bensemann, der den Fußball nach Karlsruhe brachte, war 1891 – noch als Schüler – auch der Gründer des KFV, verließ diesen aber zwei Jahre später schon wieder, um noch viele andere Vereine, den DFB und das Sportmagazin „Kicker“, dessen Gründung sich am 14. Juli zum 100. Mal jährt, ins Leben zu rufen.


Was aber sagt unser Hinkelstein über den Verein? Laut von Lorbeer- und Palmenzweigen umrankter Inschrift auf der ovalen Kupferplatte des Granitfindlings ist er „nur“ ein Gedenkstein für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen des Vereins. Er wurde 1920 als eines der ersten Denkmäler dieser Art in Karlsruhe im südlichen Teil des damaligen Stadions bei der Telegraphenkaserne aufgestellt. 1969 erhielt er seinen endgültigen Platz vor dem Vereinsheim, welches mittlerweile ebenso verschwunden ist wie das Stadion, um 2006 Platz für das Seniorenheim „Haus Karlsruher Weg“ zu machen. Mit dem Verkauf seines Geländes konnte der Verein damals seine Schulden tilgen und die Auflösung verhindern, denn die glorreichen Zeiten, als die beiden Stadtvereine die Hochburg des Fußballs im deutschen Südwesten bildeten, waren lange vorbei. Nachdem man drei Jahre lang überhaupt nicht mehr am Spielbetrieb teilgenommen hatte, begann im Jahr 2007 der Neustart – als Gast auf anderen Sportplätzen – in der Kreisklasse C, der untersten Amateurliga. Immerhin gelang 2018 der Aufstieg in die Kreisklasse B.


Spielszene aus einem Stadtderby KFV – Phoenix, im Hintergrund das heute noch stehende Gebäude der Telegraphenkaserne in der Hertzstraße (heute KIT-Standort Westhochschule)

Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe


Ganz anders waren die Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg. Zu den Höhepunkten im Stadion an der Telegraphenkaserne zählten sicherlich die Lokalderbys gegen Phoenix und das erste offizielle Länderspiel einer deutschen Nationalmannschaft in Karlsruhe. Es war im sechsten Länderspiel überhaupt der erste Sieg. 1:0 hieß am 4. April 1909 das Ergebnis gegen die Schweiz vor 7.000 Zuschauern im randvollen Stadion. Erst wenige Jahre zuvor, am 1. Oktober 1905, wurde das Stadion unter der Schirmherrschaft von Prinz Max von Baden mit einem deutlichen 8:0-Sieg des KFV über den FC Zürich eröffnet. Ein Spiel gegen Phoenix ist sogar als ältester deutscher Fußballfilm überliefert: Das Halbfinale um die deutsche Meisterschaft am 1. Mai 1910, das der KFV mit 2:1 gewann. Die damalige Dominanz der beiden Karlsruher Spitzenvereine drückte sich wohl am besten in einem Länderspiel 1912 aus, bei der acht Karlsruher Spieler auf dem Feld standen (sechs aus den Reihen des KFV, zwei von Phoenix) und das von Fachleuten zu den besten Länderspielen vor dem Ersten Weltkrieg gezählt wurde.


Postkarte des KFV „UNTER D. PROT. S. GROSSH. HOHEIT D. PRINZEN MAX von BADEN“, Spiel gegen Union Stuttgart am 3. Dezember 1911 (6:0) mit den Unterschriften des Nationalspielers Max Breunig, Hans Ruzek (Deutscher Meister 1910), Fritz Langer (Präsident), Hermann Rupp (Präsident 1910-11), Max Schwarze (Deutscher Meister 1910), u.a.

Quelle: Fußballmuseum Dresden/Genschmar.


Der langsame Niedergang des Vereins ab dem Ersten Weltkrieg ist auch symbolisch am Gedenkstein ablesbar. Die Spieler wurden eingezogen oder meldeten sich freiwillig, allein von der Meistermannschaft von 1910 fielen vier, darunter der rechte Läufer Wilhelm Gros als Fliegeroffizier. Die Rumpfmannschaft aus der alternden Meisterschaftsgeneration mit wenigen jungen Talenten konnte nicht mehr an die früheren Erfolge anknüpfen. Dennoch konnte sich der Verein noch einmal aufrappeln und gewann ab Ende der 1920er Jahre mehrere badische Meisterschaften.


Im Zweiten Weltkrieg zerstörten dann Bomben wegen der nahen Telegraphenkaserne den Fußballplatz des Vereins. In diese Zeit fällt auch das besonders unrühmliche Kapitel der Judenverfolgung: Julius Hirsch aus der Meistermannschaft von 1910 starb 1943 im Konzentrationslager Auschwitz, Gottfried Fuchs, legendärer zehnfacher Torschütze bei einem Länderspiel 1912, musste über Frankreich nach Kanada emigrieren, wo er 1972 starb. An diese Zeit erinnert die Erweiterung der Inschrift um die Jahreszahlen „1939-1945“, um auch der Toten des Zweiten Weltkriegs zu gedenken. Der Stein als Ganzes jedoch ist spätestens seit dem Verschwinden des KFV aus der Nordweststadt auch ein Denkmal für den Verein selbst. Und sein Standort heißt heute nicht mehr „Karlsruher Weg“, sondern „Julius-Hirsch-Straße“, direkt beim „Gottfried-Fuchs-Platz“ (einem Spielplatz) in Erinnerung an die beiden KFV-Spieler und einzigen deutschen Nationalspieler jüdischen Glaubens.

Hinweis:

Im Seniorenheim "Haus Karlsruher Weg" ist (nach Ende der Corona-Beschränkungen) eine Dauerausstellung mit Bildern zur Geschichte des KFV zu sehen.


Quizfrage:

Wie oft standen sich der KFV und Phoenix in offiziellen Lokalderbys gegenüber?

a) In 87 Spielen

b) In 105 Spielen

c) In 130 Spielen ------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Lösung von gestern: Die Antwort c) war richtig. Von 1897 bis 1902 errichtete der Karlsruher Oberbaudirektor Josef Durm den „Neuen Justizpalast“ in der Hoffstraße, der bis heute das Oberlandesgericht beherbergt. Obwohl nach Kriegszerstörungen nur vereinfacht und ohne Kuppel wiederhergestellt, ist er um einiges prächtiger ausgestaltet als der „Alte Justizpalast“ in der Hans-Thoma-Straße.

Das von Baumeister Friedrich Julius Ratzel entworfene Justizgebäude Nördliche Hildapromenade 1 wurde zwar fast zur selben Zeit (1905) fertiggestellt. Dort kam aber der Badische Verwaltungsgerichtshof unter, der 1863 als erstes unabhängiges Verwaltungsgericht in Deutschland geschaffen worden war.

Sowohl Durm als auch Ratzel wirkten auch bei der Planung des Erbgroßherzoglichen Palais in der Kriegsstraße mit, das von 1891 bis 1897 errichtet wurde. Zunächst als Residenz für den badischen Thronfolger bestimmt, erfolgte erst 1950 die Umwandlung in ein Gerichtsgebäude; seither hat dort der Bundesgerichtshof seinen Sitz.

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