Der dritte Richard

Lange wurde er totgeschwiegen: Gottfried Fuchs, einer der beiden jüdischen Karlsruher Fußballspieler, die in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg sowohl mit ihrem Club, dem Karlsruher Fußballverein (KFV), als auch in der deutschen Nationalmannschaft für Furore sorgten: Fuchs hält bis heute den Rekord an erzielten Toren in einem Länderspiel (10 Tore beim 16:0 gegen Russland 1912).










Gottfried Fuchs in der KFV-Meistermannschaft von 1910


Hier soll es aber NICHT um den einstigen Fussballspieler gehen, nach dem heute in der Nähe der Hertzstraße ein kleiner Platz benannt wurde, sondern um das weithin unbekannte Wirken seines älteren Bruders RICHARD, der 1887 in Karlsruhe geboren wurde.


Die insgesamt vier Brüder und eine Schwester entstammen einer angesehenen jüdischen Familie wohnhaft im Musikerviertel. Gustav, der Vater, war ein erfolgreicher Kaufmann im Holzhandel und ein großer Anhänger der Musik von Richard Wagner. Sogar sein Pferd nannte er Wotan. Die Kinder lernten schon in frühester Jugend die zeitgenössische Musik kennen und auch Richard begann früh Klavier zu spielen. Die Familie Fuchs war ein typisches Beispiel dafür, wie fest verwurzelt die jüdische Bevölkerung nach der Gründung des deutschen Reiches 1871 war.

So dienten auch alle vier Brüder freiwillig als Soldaten an den Fronten des ersten Weltkriegs.

Trotz seines früh entdeckten musikalischen Talents studierte Richard in Berlin Architektur, bevor er, zurück in Karlsruhe, an der TH im Jahre 1923 promoviert wurde. Danach entwarf er

Wohn- und Kaufhäuser, Hotels, Fabriken und Synagogen. So beispielweise das leider zerstörte „Café Stübinger“ in der Kaiserstr. 153, den Wohnblock „Gottesauer Hof“ in der Mozartstr. 1-3/ Ecke Moltkestraße oder das Wohnhaus „Beiertheimer Allee 42a“ als Auftragsarbeit seines Bruders Gottfried.



"Gottesauer Hof", erbaut 1928


Die Synagoge von Gernsbach 1927/28

(zerstört 1938)




















Parallel zu seinem architektonischen Schaffen komponierte Richard Fuchs Symphonien, Kammermusik und Lieder im Stil der Spätromantik. Aber seine Musik durfte, wenn überhaupt, aufgrund seiner Herkunft nur in jüdischen Kreisen aufgeführt werden.

1933 erhielt er als Architekt Berufsverbot, konnte aber glücklicherweise 1938 nach einigen Wochen Haft im KZ Dachau mit seiner Familie nach Neuseeland ins Exil flüchten. Nach Ausbruch des zweiten Weltkriegs galt er dort, obwohl jüdischer Herkunft, als „feindlicher Ausländer“, war nicht sehr willkommen und starb 1947 arbeitslos und nie wirklich anerkannt. Ein begnadeter Künstler, Musiker und Architekt, leider zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort geboren. Erst vor wenigen Jahren (erstmalig an der Musikhochschule Karlsruhe) wurden seine Werke wieder entdeckt und sowohl in Deutschland als auch in Neuseeland aufgeführt oder sogar erst uraufgeführt. Viele seiner Kompositionen hat Richard Fuchs also selbst nie gehört.


„The third Richard“ (gemeint ist damit der dritte Richard nach Richard Wagner und Richard Strauss) ist der Titel einer Dokumentation über das Leben von Richard Fuchs. Idee und Realisierung lag in den Händen von Danny Mulheron, seinem in Neuseeland lebenden Enkel, der bei der Aufarbeitung des Nachlasses seines Großvaters so viele erstaunliche Entdeckungen machte, dass er beschloss, dessen Lebensgeschichte in einem Dokumentarfilm festzuhalten. Zusammen mit seiner Mutter Soni, eine der beiden Töchter Richards, reiste er zu diesem Zweck im Jahre 2009 nach Karlsruhe, um an den Originalschauplätzen zu drehen. An dieser Stelle möchte ich mich auch bei der Karlsruher Kamerafrau Tschekideh Schahabian bedanken, die damals für die Filmaufnahmen verantwortlich war und mir einige interessante Details von den Dreharbeiten erzählen konnte. (Die Dokumentation ist unter https://richardfuchs.nz im Internet zu finden).


Auch Richards Bruder Gottfried schaffte die Flucht ins Exil, allerdings nach Kanada, wo er 1972 starb. Im Zuge der späten Aufarbeitung seiner - nicht immer ganz so ruhmreichen - Geschichte hat der DFB auch seine beiden jüdischen Nationalspieler Julius Hirsch und Gottfried Fuchs wiederentdeckt und geehrt. Als ein Beitrag zur Rehabilitation fand im Januar 2020 im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund eine Veranstaltung zum Gedenken an die Brüder Fuchs statt, in deren Rahmen drei Lieder von Richard Fuchs aufgeführt wurden, darunter auch eine Vertonung eines Gedichtes der bekannten jüdischen Dichterin Mascha Kaléko. So wird viele Jahrzehnte nach seinem Tod das künstlerische Werk eines Mannes gewürdigt, der in Deutschland verfolgt wurde, weil er Jude war und in Neuseeland ignoriert, weil er Deutscher war.

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