• Georg Hertweck

Der Platz, der nicht sein sollte

Aktualisiert: Apr 3


Eine weite Pflasterfläche mit ein paar Wasserspielen, ziemlich uneinheitliche Bebauung, viel Radverkehr und bisweilen etwas zwielichtiges Publikum – der Kronenplatz zählt nicht unbedingt zu den Aushängeschildern Karlsruhes. Zumal sein Image durchaus verbesserungswürdig ist. Bei der letzten Umfrage zum Sicherheitsempfinden der Bevölkerung landete der Kronenplatz auf Platz zwei in der Kategorie der unbeliebten Orte. Nur der Europaplatz wurde noch häufiger auf die Frage genannt, an welchem Ort man sich aus Sicherheitsgründen bei Dunkelheit besser nicht aufhalten sollte. Gut, einen Besuch des Kronenplatzes zu nachtschlafender Zeit wollen wir jetzt auch nicht unbedingt empfehlen, denn tagsüber sieht man doch deutlich mehr von diesem durchaus geschichtsträchtigen Ort.

Nachdem wir uns im letzten Geschichtshäppchen mit der Rolle der Metzger im Dörfle und ihrer Auswirkung auf die Stadtplanung beschäftigt hatten, lässt sich das Thema Zufall auf dem Kronenplatz praktisch nahtlos fortsetzen. Denn bei diesem Platz handelt es sich um einen, den es eigentlich gar nicht geben sollte. Aber wie der Volksmund so schön weiß: „Erstens kommt es anders und zweites als man denkt.“


Das Luftbild und der Stadtplan von 1955 zeigen eine sehr dichte Bebauung im Dörfle und im Bereich des heutigen Kronenplatzes (rot markiert)


Blenden wir noch einmal zurück in die Zeit der Altstadtsanierung. Noch in den 50er Jahren war das Karree zwischen Kaiser-, Kronen-, Zähringer- und Waldhornstraße mehr oder weniger komplett bebaut. Wenn auch die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs vor allem entlang der Kaiserstraße erhebliche Lücken geschlagen hatten, war dennoch von einem wie auch immer gearteten Platz hier keine Spur. Erst die brachiale Flächensanierung machte tabula rasa. Getreu der Devise „je größer das leergeräumte Areal, desto zukunftsträchtiger die Planung“ verschwand innerhalb eines halben Jahrzehnts ein Großteil des alten Häuserbestands. Dazu zählten leider auch etliche Baudenkmäler, denn die Stadtverwaltung hatte seinerzeit beschlossen, „dass keine erhaltenswerten Gebäude im Sanierungsgebiet vorhanden sind“. Lediglich die Carl-Hofer-Schule sollte stehen bleiben dürfen. Beidseits der neuen Autoschneise Fritz-Erler-Straße erstreckten sich alsbald riesige Freiflächen, die meisten wurden – in Ermangelung eines fertigen städtebaulichen Konzepts - erst einmal als Parkflächen genutzt.


Der Entwurf des Braunschweiger Stadtplaners Kraemer sah eine Bebauung mit Hochhäusern vor (oben). Für den Bereich des Kronenplatzes war ein "Brücken-Center" vorgesehen


"Hochhäuser wie eine Bergkette"


Dabei lagen verschiedene Pläne durchaus in der Schublade, wie beispielsweise der Entwurf von Friedrich Wilhelm Kraemer aus dem Jahr 1968. Dem Braunschweiger Stadtplaner schwebte ein ausgesprochen urbanes Konzept vor mit einer Vielzahl von Hochhäusern – „abgerückt von den Verkehrsstraßen wie eine Bergkette“. Die Fritz-Erler-Straße wollte Kraemer mit einem „Brücken-Center“ überbauen, wobei dieses Geschäftszentrum die Fläche des heutigen Kronenplatzes gleich mit verschluckt hätte. Auf Kraemers Zeichnung prangte sogar schon vom Dach des „Brücken-Centers“ die Aufschrift „Kaufhof“ – aber der Warenhauskonzern hatte andere Pläne. Nachdem der Kraemer-Entwurf aufgegeben worden war, kamen die Münchner Architekten Hilmer & Sattler zum Zuge. Auch von diesem Büro war zunächst noch eine massive Überbauung der Fritz-Erler-Straße vorgesehen, doch in der neuen Konzeption verblieb letztlich nur noch die heutige breite Fußgängerbrücke, gekrönt von einem Brückenrestaurant, welches heute einen Pizza-Lieferservice beherbergt.


Entwurf von Hilmer & Sattler

Nachdem sich die Pläne für ein als Besuchermagnet am östlichen Eingang der Innenstadt geplantes Warenhaus endgültig zerschlagen hatten, verblieb an der Ecke Kaiser- / Fritz-Erler-Straße für die nächsten beiden Jahrzehnte eine Freifläche. Die mit einigen Bäumen bepflanzte und von einem Wochenmarkt genutzte Schotterfläche hatte stets einen provisorischen Charakter. Symptomatisch für die Nicht-Existenz des Kronenplatzes war die Benennung der Straßenbahn-Haltestelle, die viele Jahre lang „Berliner Platz“ hieß, obgleich der namensgebende Platz zum einen deutlich kleiner ist und zum anderen schräg gegenüber jenseits der Kaiserstraße liegt. Bedingt durch die Kombi-Lösungs-Baustelle war der Berliner Platz in jüngster Zeit kaum noch als solcher erkennbar. Er soll aber nach Abschluss der Bauarbeiten neu gestaltet werden.


Zwei Ansichten des Kronenplatzes vor 1988. Die Gestaltung hatte noch eher provisorischen Charakter



Bürgerentscheid gegen die Bebauung


Ende der 80er Jahre schien dem Kronenplatz das letzte Stündlein geschlagen zu haben, als der Kosmetik-Konzern L‘Oréal dort ein Verwaltungs- und Schulungszentrum errichten wollte. Gegen diese Pläne regte sich Widerstand und so kam es 1988 zu einem historischen Ereignis in der Stadtgeschichte, dem ersten Bürgerentscheid in Karlsruhe. Obwohl eine deutliche Mehrheit gegen die Bebauung des Kronenplatzes votierte, scheiterte der Bürgerentscheid am nötigen Quorum von 30% der Wahlberechtigen. Rund 60.000 Stimmen wären für eine bindende Entscheidung erforderlich gewesen; letztlich waren es aber nur 38.500 Stimmen. Obwohl nun der Weg frei gewesen wäre, zog L‘Oréal seine Pläne kurz vor Baubeginn zurück.


Historisches Ereignis: Die geplante Bebauung des Kronenplatzes sorgte für den ersten Bürgerentscheid in der Geschichte Karlsruhes


1993 wurde dann schließlich das heutige Gebäude auf dem Kronenplatz errichtet, für das Architekt Hermann Rotermund seinen Entwurf abänderte und einen breiten Durchgang von der Kaiserstraße in den rückwärtigen Bereich ermöglichte. Ursprünglich für eine Versicherungsgesellschaft erbaut, wird der Komplex heute vom KIT genutzt. Das markante Eckgebäude an der Kronenstraße mit seinem dreieckigen Grundriss soll künftig das Innovations- und Gründerzentrum TRIANGEL beherbergen. Da das Land Baden-Württemberg inzwischen den einstigen Versicherungs-Palast gekauft hat, gibt es für die Stadtplanung eine weitere Hürde. Während der südliche Kronen platz weiterhin in städtischem Besitz verblieben ist, gehört das Areal nördlich der Brückenrampe nun dem Land.


Korrespondierende Backsteinarchitektur


Zwei weitere stadtbildprägende Bauten sind das sogenannte Hohenzollernhaus an der Ecke Kronen- / Markgrafenstraße sowie das Jugend- und Begegnungszentrum, kurz JUBEZ. Dass sich beide in ihrer Backsteinarchitektur ähneln, ist kein Zufall, Architekt Gernot Kramer nahm bei dem 1982 eröffnete JUBEZ die Formensprache des gegenüberliegenden historischen Hohenzollernhauses auf. Dieses hatte als eines der wenigen Gebäude am Kronenplatz die Flächensanierung überstanden.



Vorher und Nachher: An die Stelle der einstigen "Elefantenhalle" erinnern heute nur noch die mit Beton ausgegossenen Fundamente.


Dagegen ist vor zwei Jahren die wegen ihrer massiven Stützen liebevoll „Elefantenhalle“ genannte Überdachung auf der südlichen Platzhälfte verschwunden. Dieses Bauwerk war einst als Markthalle gedacht, jedoch zog – und zieht – es die Betreiber der Marktstände seit jeher direkt an die Straßenbahnhaltestelle, wo schlicht und einfach mehr Umsatz zu erwarten ist. Die Markthalle fristete damit ein mehr oder weniger sinnbefreites Dasein, ehe 2010 versucht wurde, ihr mit der Boule-Bahn etwas Leben einzuhauchen. Da auch diese Einrichtung, vermutlich wegen der doch eher bescheidenen Größe der Spielfläche, wenig Akzeptanz fand, beschloss die Stadt, mit der Abtragung der Elefantenhalle ein Zeichen für die weitere Umgestaltung des Kronenplatzes zu setzen. Im Gespräch ist derzeit ein Neubau der Stadtbibliothek, jedoch gibt es dafür noch keine Beschlüsse.


Der "Narrenbrunnen" von Markus Lüpertz

Komplettiert wird das Platzensemble durch zwei Brunnenanlagen. Als erster kam 1997 der von Markus Lüpertz gestaltete „Narrenbrunnen“ auf den Platz vor dem Jubez. Mit ihm wollten die Karlsruher Fastnachter daran erinnern, dass im ehemaligen Dörfle 1843 der „Narrenverein von Pfannenstielhausen“ als erster Fastnachtsverein Karlsruhes gegründet worden war. Am Rande der mit einem Durchmesser von sechs Metern enorm großen Brunnenschale aus Terrazzo sitzt ein Harlekin, ihm zur Seite die Embleme aller heutigen Karlsruher Fastnachtsvereine als Majolika-Kacheln.

Spaß vor allem für kleine Kinder bieten dagegen die Wasserspiele auf der Nordseite der Brückenrampe. Der Künstler Herbert Dreiseitl, der schon auf dem Potsdamer Platz in Berlin gebaut hatte, schuf hier ein 340 Quadratmeter großes Ensemble, das in den Nachtstunden mit Lichteffekten illuminiert wird. Betrachtet man sich dieses Kunstwerk im Speziellen und die Geschichte des Kronenplatzes im Allgemeinen, wäre man fast versucht zu sagen „alles ist im Flusse“….

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